Nachhaltigkeitsbeauftragte in Hotels – notwendig oder überschätzt?
In vielen Branchen entstehen derzeit neue Berufsbilder, die den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel spiegeln: Digitalisierung, Energiewende, soziale Verantwortung, all das erfordert neue Kompetenzen. Eines dieser Profile ist das des Nachhaltigkeitsbeauftragten. Während die Position in großen Konzernen längst etabliert ist, wird sie im Tourismus noch sehr unterschiedlich interpretiert. Doch was genau steckt hinter diesem Berufsbild?
Was macht eigentlich ein Nachhaltigkeitsbeauftragter?
Ein Blick auf die Kernaufgaben zeigt, dass die Rolle weit über die bloße Verwaltung von Umweltmaßnahmen hinausgeht. Der tägliche Job umfasst eine Bandbreite von Aufgaben: von der Erhebung und Steuerung des Energie- und Wasserverbrauchs über Abfall- und Beschaffungsstrategien bis hin zu Mitarbeiter-Schulungen, Zertifizierungsprojekten und externem Reporting. Fachleute wie Henner Zaborowski beschreiben die Rolle als „Entwicklung von Strategien und Prozessen, die einen Betrieb ökologisch, ökonomisch und sozial zukunftsfähig machen.“ Zunehmend agiert die Stelle auch als Schnittstelle zwischen Geschäftsführung, operativen Abteilungen und externen Stakeholdern wie Auditor*innen, Gästen oder Investor*innen.
Wenn Verantwortung formell wird – Chancen und Grenzen der Position
Die Einführung formeller Verantwortung für Umweltschutz lässt sich aus zwei Perspektiven betrachten. Auf der einen Seite professionalisiert ein Nachhaltigkeitsbeauftragter Prozesse, bündelt Verantwortung und beschleunigt Projekte, die sonst leicht zu Einzelaktionen verkommen. Gerade bei CO₂-Bilanzierungen, Zertifizierungen oder gruppenweiten Standards sorgt eine verlässliche Ansprechperson für klare Kommunikation.
Dem gegenüber steht die Erfahrung vieler familiengeführter Häuser: Nachhaltigkeit ist hier Chefsache. Kleine Betriebe haben oft nicht die Ressourcen für eine zusätzliche Stelle und in Teams, die zukunftsorientiertes Handeln ohnehin gemeinsam leben, kann ein einzelner „Exotentitel“ die kollektive Verantwortung schwächen. Eine offiziell zuständige Person kann die Eigeninitiative und das Engagement der anderen reduzieren.
Die Umsetzung von Nachhaltigkeit und derer, die damit beauftragt werden, ist in Hotels so vielfältig wie die Häuser selbst. Einige setzen auf dedizierte Stellen, andere integrieren Verantwortung in die gesamte Belegschaft, und wieder andere verbinden technische Maßnahmen mit kulturellen Traditionen. Ein Blick auf unterschiedliche Modelle zeigt, wie strategische Konzepte und gelebte Praxis ineinandergreifen.
Formelle Rollen: Sustainability Coordinators
In einigen Betrieben übernimmt eine dedizierte Fachkraft die Verantwortung für Umwelt-, Ressourcen- und Sozialmanagement.
Das Canvas & Orchids Retreat am Tatai-Fluss in Kambodscha verankert ökologisch verantwortungsbewusstes Reisen und die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung fest in seiner Unternehmensphilosophie. Gesteuert wird diese von Sustainability Coordinator Anna Pawlik-Szocs. Sie überwacht Energie- und Wasserverbrauch, initiiert Abfallvermeidungs- und Recyclingprogramme, verantwortet Beschaffung und Einkauf nach ökologischen Kriterien, fördert die Zusammenarbeit mit lokalen Lieferanten und stellt sicher, dass sowohl Mitarbeitende als auch Gäste in umweltfreundliche Praktiken eingebunden werden. Unter ihrer Leitung wurde 2024 eine groß angelegte Photovoltaik-Anlage in Betrieb genommen, Einwegplastik aus dem täglichen Betrieb verbannt und das Abfalltrennungssystem deutlich verbessert.
Das SCHWARZWALD PANORAMA in Bad Herrenalb bündelt seit 2018 ökologische Verantwortung in einer CSR-Stelle. Seit Januar 2024 lag diese Position bei Darlene Schwabroch. Unter ihrer Mitverantwortung wurden umfassende Maßnahmen umgesetzt: papierarme Kommunikation, plastikfreie Ausstattung der Zimmer, vegane Brunchs, regelmäßige Mitarbeiterschulungen, sensible Abfallwirtschaft, Kreislaufkonzepte bei Renovierungen und vieles mehr. Der Erfolg dieser Arbeit zeigt sich nicht zuletzt in der GreenSign-Zertifizierung mit 93 %. Damit zählt das SCHWARZWALD PANORAMA zu den weltweit top-zertifizierten, nachhaltig ausgerichteten Hotels.
Ein drittes Modell liefert die Gruppe ADLER Spa Resorts & Lodges. Mit der konzernweiten Initiative ADLER for Planet managen zentrale Nachhaltigkeitsverantwortliche die Umsetzung der ökologischen und sozialen Vorgaben in allen Resorts: von Neubauten nach ökologischen Bauweisen über Nutzung erneuerbarer Energien, zertifizierte Energieeffizienz, ressourcenschonende Beschaffung bis hin zur Abfallvermeidung. Seit April 2025 ist Caroline Pescoll als Sustainability Managerin Teil des Teams. Sie begleitet die Betriebe aktiv im Rahmen des EarthCheck-Zertifizierungsprozesses, fördert neue verantwortungsvolle Projekte auf Resort- und Gruppenebene und entwickelt eine gemeinsame Vision, die im Einklang mit den Werten der Inhaber-Familie Sanoner steht.
Ganzheitliche Teamverantwortung ohne dedizierte Rolle
Andere Hotels verstehen Nachhaltigkeit als gemeinsame Aufgabe, die nicht an eine einzelne Person delegiert wird. Stattdessen wird Verantwortung auf das gesamte Team verteilt.
Beim OLM Nature Escape in Südtirol ist Nachhaltigkeit bewusst integraler Bestandteil der Unternehmenskultur: Alle Mitarbeitenden sind aktiv eingebunden, bringen Ideen ein, gestalten Prozesse mit und entwickeln diese weiter. Energieeinsparungen, ressourcenschonende Abläufe und ökologische Initiativen sind hier nicht die Aufgabe einer Einzelperson, sondern gelebte Praxis eines ganzen Teams.
Ähnlich setzen das Naturhotel Outside und das Naturresort Gerbehof auf kollektive Verantwortung. Im Gerbehof gibt es keine speziellen Umwelt- und Klimabeauftragten, jede*r Mitarbeiter*in übernimmt Verantwortung. Bereits seit 2015 ist das Haus Mitglied bei den BIO-Hotels, die eine Vorreiterrolle im grünen Tourismus einnehmen. Alle Produkte werden in 100 % Bioqualität angeboten, regional eingekauft, unterstützt durch umweltfreundliche Energie- und Abfallkreisläufe. Auch Kosmetikprodukte, Ökostrom und Papier aus nachhaltiger Waldwirtschaft gehören zum verpflichtenden Standard. Alle Möbel stammen aus heimischem Holz, teilweise aus eigenem Wald, handgefertigt und gestaltet direkt auf dem Hof.
Auch das Naturhotel Outside arbeitet ohne fixen Sustainability Manager: Verantwortungsbewusstes Handeln und Wirtschaften ist gelebte Kultur im ganzen Team. Regionalität, Ressourcenschonung und ein respektvoller Umgang mit Natur und Umwelt prägen alle Abläufe. Schon beim Recruiting wird darauf geachtet, dass Bewerber*innen diese Werte teilen; im Onboarding werden die Prinzipien praxisnah vermittelt.
Im Hotel Weihrerhof auf dem Ritten verzichtet die Gastgeberfamilie Pichler bewusst auf Titel. Jedes Teammitglied trägt seinen Anteil für zukunftsweisende Energienutzung, Küche, Einkauf oder Bauprojekte. Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen – stets mit Blick auf Umwelt, Region und Menschen. So wurde sich vor einigen Jahren gemeinsam und in enger Abstimmung für die Einführung von Trockendampfreinigern im Housekeeping entschieden. Klaus und Manuela Pichler wollen die Fähigkeiten und Talente der Mitarbeitenden gezielt einsetzen und nutzen – von der Gästezufriedenheit bis zur Auswahl ressourcenschonender Technologien. Regelmäßige Schulungen, digitale Lernangebote und Webinare sichern, dass alle über aktuelle Standards und Entwicklungen informiert sind. Besonders geschätzt wird der Beitrag lokaler Teammitglieder, deren Wissen über Landschaft und Kultur nicht nur das Gästeerlebnis bereichert, sondern auch langfristige Entscheidungen untermauert.
Ein weiteres Beispiel für geteilte Verantwortung liefert das Klosterhof – Alpine Hideaway & Spa in Bayerisch Gmain: Das 4-Sterne-Superior-Wellnesshotel verfolgt ein ganzheitliches Konzept, das ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Umweltverträglichkeit ist integraler Bestandteil des täglichen Handelns: Mitarbeitende, Gäste und Lieferanten werden dabei aktiv eingebunden, geschult und in ihrem umweltbewussten Verhalten unterstützt. Bereits beim Bau des Hauses standen ökologische Kriterien im Mittelpunkt. Für diese konsequente Ausrichtung wurde der Klosterhof 2022 als erstes deutsches Hotel mit dem EU-Ecolabel ausgezeichnet.
Nachhaltigkeit als Chefsache – mit Teamkraft umgesetzt
In vielen familiengeführten Hotels ist Nachhaltigkeit fest in der Verantwortung der Inhaber oder Geschäftsführer verankert. Häufig sind es gerade die Familien selbst, die als Visionäre hinter dem Betrieb stehen und Entscheidungen treffen, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele miteinander vereinen.
Beim Hotel Das Rübezahl im Allgäu zeigt sich dieses Prinzip. Hier sind nachhaltige Initiativen und Impulse traditionell auf Inhaber- und Geschäftsführungsebene der Familie Thurm angesiedelt, unabhängig davon, ob es sich um bauliche Anpassungen, die Gestaltung von Gästeservices oder betriebliche Abläufe handelt. Zur Unterstützung zieht die Familie unter anderem externe Exper*innen heran, die regelmäßig beraten und neue Impulse geben. So gelingt es dem Haus, innovative ökologische Maßnahmen umzusetzen und gleichzeitig die Betriebsabläufe effizient und praktikabel zu gestalten.
Auch im Gut Sonnenhausen bei München ist Nachhaltigkeit eng mit der Philosophie des Ökopioniers und Chefs Georg Schweisfurth verbunden. Das Hotel vereint Bio-Gastronomie, Permakultur und historische Architektur miteinander. Energieeinsparungen, ökologisches Event-Hosting und die Verwendung regionaler Lebensmittel sind hier selbstverständlich. Besonders hervorzuheben ist, dass alle Mitarbeitenden aktiv in die Umsetzung eingebunden und Ideen, Verbesserungsvorschläge und Eigeninitiative gefördert werden.
Fabienne Anthamatten leitet seit 2017 das Hotel Bella Vista in Zermatt in dritter Generation und bringt ihr Leitprinzip „Taten statt Worte“ täglich in die Praxis ein; sei es beim Einsatz von Strom aus Wasserkraft, bei regionalen Produkten, Kräutern und Früchten aus eigenem Anbau oder beim konsequenten Verzicht auf Plastik und unnötige Verpackungen. Seit November 2025 übernimmt eine Hotelmanagerin die operative Umsetzung nachhaltiger Maßnahmen, während Fabienne weiterhin die strategische Linie vorgibt.
Bei allen Häusern wird deutlich, dass die Umsetzung eines zukunftsorientierten Unternehmenskonzeptes nie allein Aufgabe der Leitung ist: Das Team wird aktiv eingebunden und als gelebte Praxis im gesamten Betrieb verankert.
Innovative Ansätze und Bottom-up-Modelle
Im Lifestylehotel SANDnature an der Ostsee wird Nachhaltigkeit bewusst von unten heraus gestaltet. Zwei Mitarbeitende, Karla und Niels, haben sich zu sogenannten SDG-Scouts ausbilden lassen. Das ist ein Programm der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis in Kooperation mit B.A.U.M. e.V. und dem Deutschen Global Compact Netzwerk. Ziel ist es, die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) praxisnah im Arbeitsalltag zu verankern.
Mit frischem Blick hinterfragten die Scouts bestehende Prozesse und setzten ökologisch und sozial relevante Maßnahmen um: So wurde im SANDnature unter anderem das herkömmliche Hygienepapier durch eine umweltfreundliche Alternative ersetzt. Mittelfristig soll ein monatlicher „Nachhaltiger Lifestyle“-Meeting Circle entstehen, in dem Mitarbeitende aus allen Abteilungen Ideen sammeln, diskutieren und der Geschäftsführung vorstellen. Das Beispiel zeigt, wie Bottom-up-Ansätze Mitarbeitende motivieren, Verantwortung zu übernehmen, Innovationen anzustoßen und nachhaltige Veränderungen im Hotelalltag praktisch umzusetzen. Auch im Schwesterhotel SANDglow in Husum an der Nordsee sind solche Maßnahmen geplant. Schon jetzt fließt die nachhaltige Philosophie der SAND-Inhaberfamilie in das Onboarding und die Einarbeitung des Teams ein.
Ob dedizierte Nachhaltigkeitsbeauftragte, Teamverantwortung oder Chefsache, eines wird deutlich: Nachhaltigkeit im Hotel funktioniert nur, wenn sie ehrlich und aktiv gelebt wird. Entscheidend ist nicht, ob dies von einer einzelnen Fachkraft oder vom gesamten Team ausgeht, sondern Engagement, klare Prozesse und eine Kultur, die Verantwortung teilt. Am Ende zählt eben nicht der Titel, sondern die Wirkung für Umwelt, Gäste und die Zukunft der Branche.
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