Pioniere der Nachhaltigkeit: Biohotel Grafenast
Green Pearls® stellt regelmäßig spannende Persönlichkeiten vor, die in punkto Nachhaltigkeit Geschichte geschrieben haben. Der achte Teil widmet sich Peter und Waltraud Unterlechner, Besitzer des Biohotels Grafenast, das in diesem Jahr sein 111. Jubiläum feiert.
Klarheit für Seele und Geist
Bei den Unterlechners liegt die Verbundenheit mit der Natur in der Familie, angefangen bei Toni Unterlechner, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Existenz in den Tiroler Bergen aufbaute und hier seine Heimat fand. „Mein Urgroßvater Toni wollte unbedingt hier begraben werden“, erzählt Peter Unterlechner. Dafür sei es nötig gewesen, in der Nähe des Hotels mitten in den Bergen eine Kapelle zu bauen, was die Familie kurzerhand umsetzte. Auch Peter Unterlechner, der das Grafenast bereits in der 4. Generation leitet, ist den Bergen eng verbunden. Er schätzt den Blick in die Weite, der, wie er sagt, die Seele und den Kopf befreit: „Ich habe das Glück, an einem Ort zu arbeiten und zu leben, der anderen als Urlaubspunkt dient. Das Aufhalten an einem Platz, der einem gut tut, ist etwas sehr Wertvolles.“ Dieser Fokus auf das Wohlbefinden, die Nähe zur Natur und die Abgeschiedenheit und Ruhe machen heute den besonderen Charakter des Biohotels Grafenast aus.
Aus dem Zentrum des Tourismus zum Ruhepol
Toni Unterlechner gehörte zu den Pionieren, die es um 1900 in die Berge zog. Zu einer Zeit, in der gerade die ersten Skifahrer den Weg nach oben suchten, baute er hier 1907 das erste Häuschen, die heutige „Rodelhütte“. Als Ältester von zwölf Kindern hätte er eigentlich die Gerberei und Seilerei der Familie übernehmen können. Stattdessen entschied er sich, den Berg zur Basis seiner Existenz zu machen und etablierte das Grafenast als Zwischenstopp für Urlauber aus der Stadt, die sich auf der Suche nach einem Ausgleich auf den Weg hinauf zum Kellerjoch machten. Im Laufe der Zeit wurde das Haus für Übernachtungsgäste umgebaut und ist mit der original erhaltenen Stube noch heute ein zentraler Teil des inzwischen stark erweiterten Hotels. Nach dem Krieg verschob sich durch die Verbesserung der Infrastruktur der Tourismus in die Seitentäler – und die Familie entschied sich, die dadurch einkehrende Ruhe für sich und ihre Gäste zu nutzen.
Slow Food aus dem eigenen Garten
Die Idee der Weiterentwicklung des Grafenast zu einem Biohotel entstand Anfang der 1980er Jahre, als Vertreter einer diplomatischen Vereinigung sie vor die Herausforderung stellten, zwei Wochen lang vegetarisch zu kochen. Mit diesem Wunsch hatten Restaurantküchen hierzulande damals noch wenig Erfahrung. Im Grafenast ließ man sich allerdings gerne auf das Experiment ein und ist auch heute noch offen für die individuellen Wünsche der Gäste, die häufig vegetarische oder vegane Gerichte bevorzugen. „Die Küche ist vorwiegend regional ausgerichtet, bietet aber immer wieder international inspirierte Überraschungen.“ So beschreibt der aktuelle Slow-Food-Restaurantführer das Biorestaurant des Grafenast. Die Zutaten sind nicht nur zu 100% bio, sondern stammen größtenteils aus dem eigenen Garten oder aus lokaler Landwirtschaft. So können Gäste regionale Schätze genießen, wie zum Beispiel den Alpbachtaler Ziegenrohmilchkäse oder das Pillberger Bio-Kalb.
Das gute Alte mit dem guten Neuen verbinden
Auch wenn die Idee damals noch neu erschien, lag sie für die Besitzer des Grafenast doch sehr nahe. „Wir sind mit Bio und Nachhaltigkeit groß geworden“, erzählt Peter Unterlechner. „Daher ist es für mich ganz normal: Ökostrom, Mülltrennung, gesunde Lebensmittel, regionaler Handel ...“ Und so kam es auch, dass das Grafenast zu Tirols erstem CO2-neutralen Hotel wurde. Die Zimmer sind nach strengen Kriterien von Ökologie und Nachhaltigkeit eingerichtet und Dinkelpolster, Lärchenholzböden, durchdachte Schlafsysteme und die Freiheit von Elektrosmog schaffen eine gesunde und ruhige Umgebung. Im Einklang mit der Umwelt zu leben sei kein wirklich neuer Ansatz, betont Unterlechner, er sei nur im Zuge der Industrialisierung verloren gegangen: „Wir müssen wieder lernen, mit der Natur umzugehen“, sagt er. „Jeder für sich aber auch die Betriebe und ganz stark jene im Tourismus, weil sie daraus ihr Potenzial für die Zukunft schöpfen.“
Gemeinwohl als Maßstab des Erfolgs
Die neueste Entwicklung im Haus ist der Entschluss, eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen zu lassen, die demnächst veröffentlicht werden soll. Entsprechend dem Prinzip der „Gemeinwohl-Ökonomie“ werden dabei soziale und ökologische Aspekte in die wirtschaftliche Betrachtung des Unternehmens und seiner Berührungsgruppen – wie Kunden, Partner, Mitarbeiter und Lieferanten – einbezogen. Die Unterlechners setzen sich stark für Umweltbewusstsein und soziale Gerechtigkeit ein, letzteres zum Beispiel durch die Einrichtung eines integrativen Arbeitsplatzes. Den Bericht wollen sie auch nutzen, um weitere Potenziale zu entdecken. „Man muss offen bleiben für Entwicklungen“, sagt Peter Unterlechner und macht damit neugierig auf die Zukunft.
