Vom Feld ins Haus: Wie Hotels mit Heu einen alten Rohstoff neu entdecken
Lange galt Heu als selbstverständlicher Stoff des Alltags. Häuser wurden damit gedämmt, Ställe gepolstert und Wunden gelindert. Mit der Industrialisierung verschwand vieles von diesem Wissen. Günstigerer Zement, standardisierte Glaswolle und der Glaube an maschinelle Überlegenheit verdrängten natürliche Baustoffe nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Bauwesen.
Heute zeigt sich, was dabei verloren ging und welchen Preis der Tausch hat. Synthetische Dämmstoffe entstehen nicht nur unter hohem Energieaufwand aus fossilen Rohstoffen. Am Ende des Lebenszyklus lassen sich die meisten dieser Materialien auch nicht sauber trennen, sind mit anderen Baustoffen verklebt oder verpresst und landen deshalb im Sondermüll. Aber es geht eben auch anders.
Die Wiederentdeckung natürlicher Baustoffe
Pflanzliche Baustoffe wie Heu rücken zunehmend in den Fokus von Architekten und engagierten Hoteliers und das nicht aus Nostalgie, sondern aufgrund konkreter Vorteile: Heu wächst innerhalb einer Saison nach, bindet während seines Wachstums CO₂ und lässt sich am Ende seiner Lebensdauer kompostieren oder energetisch verwerten. Besonders die Niederlande gelten europaweit als Vorreiter des sogenannten Biobased Bouwen, eines Ansatzes, der landwirtschaftliche Reststoffe als vollwertiges Baumaterial begreift.
Was einst vor allem pragmatisch war, besitzt inzwischen auch eine ästhetische Dimension. Das Tiroler Label Almut von Wildheim fertigt beispielsweise Leuchten aus purem Almheu; das Unternehmen Organoid presst handgesenstes Heu auf Dekorpaneele, die im Innenausbau als natürliche Wandverkleidungen dienen; der Akustikspezialist Noiseflex Nature wiederum setzt Oberflächen aus Heu als schallabsorbierende Verkleidung ein, denn die offenporige Struktur der Gräser wirkt auch schalldämmend. Heu ist damit längst nicht mehr nur ein landwirtschaftlicher Nebenstoff, sondern ein Werkstoff mit ressourcenschonenden Eigenschaften
Für Hotels mit einem klar formulierten Nachhaltigkeitskonzept besitzt dieser Rohstoff darüber hinaus eine kommunikative Stärke, denn er erzählt eine konkrete Geschichte. Gäste spüren, tasten und riechen die Verbindung zur umgebenden Landschaft. Kein Zertifikat auf der Webseite vermittelt regionale Verwurzelung so unmittelbar, wie eine Wand aus Heu der eigenen Wiesen oder eine Leuchte, die nach Almblumen duftet. In den folgenden Absätzen zeigen die Green Pearls® Partnerhotels, wie individuell und divers dieser Ansatz in der Praxis aussieht.
Wo Heu zum (Mit-)Gastgeber wird
Wer das Bio- & Wellnessresort Stanglwirt besucht, begegnet der umliegenden Landschaft nicht nur vor dem Fenster. Bereits im Eingangsbereich empfängt ein großformatiges Bild aus gepresstem Almheu die Gäste. Das Material stammt von den hauseigenen Wiesen rund um den Wilden Kaiser, ohne lange Transportwege oder Zwischenhandel. Die Landwirtschaft ist seit Generationen eng mit dem Betrieb verbunden und prägt sowohl das Haus als auch die Region. Das verwendete Heu steht exemplarisch für diesen Ursprung. Neben seiner Herkunft spielt auch die Wirkung eine Rolle. Der charakteristische Duft sowie die feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften des Materials schaffen eine besondere Atmosphäre. Gleichzeitig entsteht eine direkte Verbindung zur alpinen Kulturlandschaft, die sich deutlich von industriell gefertigten Oberflächen unterscheidet. Das Heu wird damit nicht nur zum gestalterischen Element, sondern auch zum Ausdruck der Philosophie, die Landwirtschaft und Luxushotel miteinander verknüpft.
Im Zuge der Renovierung des Paradiso Pure.Living Vegan Hotels im Jahr 2019 wurde der Umbau nach baubiologischen Prinzipien ausgeführt. Im Mittelpunkt stand dabei ein Wandaufbau, der dem Konzept des „atmenden Raums“ folgt. Hinter den mit natürlichem Kalkputz versehenen Oberflächen kommen Materialien zum Einsatz, die Feuchtigkeit und Temperatur auf natürliche Weise regulieren. Dieser Ansatz gilt in der Baubiologie als belegt und zeigt sich für Gäste in einem nachweislich verbesserten Raumklima. Auch in den Zimmern selbst wird der Einsatz natürlicher Rohstoffe sichtbar. Ausgewählte Türen sind mit Alpenwiesenheu gestaltet. Beim Öffnen und Schließen entfaltet sich der Duft von Almblumen und schafft eine unmittelbare sensorische Verbindung zur umliegenden Landschaft der Seiser Alm. Im Wellnessbereich ergänzt eine Heu-Sauna das natürliche Konzept. Befüllt mit getrocknetem Gras aus der direkten Nachbarschaft des Hotels, setzt die Wärme die ätherischen Öle der Wiesenkräuter frei: ein Wellnesserlebnis ganz ohne chemische Zusätze.
Manchmal macht schon ein Detail den Unterschied. Im Wellnesshotel SCHWARZWALD PANORAMA zeigt sich das an den Kleiderbügeln in den sogenannten Circular-Living-Zimmern. Verwendet werden dort Tutaka-Hänger, die zu rund 30 Prozent aus heimischem Wiesengras und zu 70 Prozent aus recyceltem Kunststoff bestehen. Auf den Einsatz von neuem Erdöl wird vollständig verzichtet und produziert wird in Deutschland in energieeffizienten Anlagen, wodurch sich auch die Transportwege verkürzen. Das Konzept der Circular-Living-Zimmer zielt darauf ab, Ressourcen zu schonen und gleichzeitig ein gesundes Raumklima zu fördern. Bei der Auswahl von Materialien und Möbeln lag der Fokus auf Aspekten der Wohngesundheit sowie auf kreislauffähigen Lösungen. Auch andere Elemente der Zimmerausstattung folgen diesem Ansatz. So bestehen die Lampenschirme ebenfalls aus Wiesengras. Für die Materialien wurden Rücknahmevereinbarungen mit den Herstellern getroffen, um sie nach ihrem Einsatz wieder in den Kreislauf zurückzuführen.
Im Hotel Klosterbräu beleuchten die Tiroler Wiesen buchstäblich den Innenraum. Die handgefertigten Heublumen-Leuchten in den 28 Naturzimmern des Hauses sind zu einem unverwechselbaren Markenzeichen geworden. Getrocknete Blüten und Gräser filtern das Licht und erzeugen so einen warmen, unregelmäßigen Schein. Kein industriell gefertigter Lampenschirm kann diese Textur imitieren, weil sie auf einem Naturmaterial beruht, dessen Struktur einmalig ist. Das Klosterbräu plant inzwischen alle neuen Zimmer nach dem Vorbild der bestehenden Naturzimmer. Die Heublumen-Leuchten bleiben dabei fester Bestandteil des Einrichtungskonzeptes, nicht aus Nostalgie, sondern weil es funktioniert und von den Gästen sehr gern angenommen wird. Es verbindet handwerkliche Fertigung mit einem regionalen Rohstoff und steht zugleich für Langlebigkeit.
Die Unterscheidung zwischen Heu (getrocknetes Gras) und Stroh (getrocknete Getreidehalme) spielt übrigens in der biologischen Bauweise eine eher untergeordnete Rolle. Im Hotel Luise in Erlangen bestehen in den sogenannten „Nachwachsenden Hotelzimmern“ die Decken aus Stroh. Das Material ist strukturell eng mit Heu verwandt und weist vergleichbare Eigenschaften auf. Dazu gehört insbesondere die Fähigkeit, Feuchtigkeit zu regulieren. Die Strohdecken prägen die Räume auch gestalterisch. Sie verleihen den Zimmern eine sichtbare Textur und eine Wärme, die sowohl optisch als auch haptisch erfahrbar ist. Das Konzept des Hotels geht jedoch über einzelne Materialien hinaus. Das „Nachwachsende Hotelzimmer®“ im Hotel Luise ist nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip gestaltet. Ziel ist es, ausschließlich Materialien einzusetzen, die entweder biologisch abbaubar oder vollständig recycelbar sind und somit in geschlossenen Kreisläufen geführt werden können.
Auch die drei Ferienhäuser von Ebner 1822 wurden in Teilen aus Stroh errichtet. Das Inhaberpaar Barbara und Mario Sonnleitner hat sich beim Bau an traditionellen Techniken der Region orientiert und gezielt auf lokale und historisch bewährte Materialien gesetzt: Lehm, Holz und Stroh. Dadurch entsteht in den zweistöckigen Häusern ein gesundes Raumklima. Zusätzlich durchzieht ein natürlicher Duft die Unterkünfte, der die Gäste schon beim ersten Betreten durchatmen lässt. Übrigens wurden die Häuser in Handarbeit errichtet.
Im APIPURA hotel rinner in Südtirol ist Heu ein integraler Bestandteil der Einrichtung. Das Material wird direkt in die Zimmermöbel eingearbeitet und ist damit physisch Teil des Interieurs. Gefertigt werden die Möbel von einem lokalen Tischler vor Ort. Transportwege, Verpackung und externe Lieferketten entfallen damit weitgehend. Was die Dekoration betrifft, hat sich das Team für einen ganz direkten Weg entschieden: Heublumen, Trockenblumen sowie Naturmaterialien werden in der unmittelbaren Umgebung des Hotels gesammelt. Die Blumenarrangements in den Vasen der Zimmer stammen daher buchstäblich aus denselben Wiesen, die die Gäste vom Fenster aus sehen.
Im Hotel Weihrerhof auf dem Ritten hängt Heu hinter Glas. Im Treppenhaus ist es in Form von sogenanntem Heuglas in das Geländer integriert, in einigen Zimmern dient es als sichtbares, beleuchtetes Wandelement rund um die Kopfenden der Betten. Die Idee folgt einem konkreten gestalterischen Ansatz, in dem die Landschaft nicht nur durch das Fenster sichtbar, sondern auch im Innenraum erfahrbar werden soll. Der Ritten ist eine Hochebene, deren Erscheinungsbild durch Wiesen und kleinbäuerliche Landwirtschaft geformt wird. Heu ist ein wichtiger und sichtbarer Teil der Region. Die Lösung hinter Glas erfüllt dabei auch eine funktionale Aufgabe. Unbehandeltes Heu verändert sich, verliert Struktur und Stabilität. Durch das Einschließen bleibt es formbeständig, ohne zusätzlich konserviert oder chemisch behandelt werden zu müssen. Derzeit wird auch die Bar des Hauses umgestaltet, Elemente mit Heuglas sollen dort ebenfalls eingesetzt werden. Was im Treppenhaus begann, zieht sich damit nach und nach durch das gesamte Haus.
Ein Rohstoff eine gemeinsame Logik
Was all diese Häuser verbindet, ist mehr als ein Material: Es ist die Entscheidung, regionale Rohstoffe mit kurzen Transportwegen und nachweisbar umweltschonenden Eigenschaften (schnell wachsend, CO2-bindend) einzusetzen und das klar zu kommunizieren. Heu und Wiesengras stehen für eine Rückbesinnung, die gleichzeitig nach vorne schaut. Sie verbinden regionale Identität mit ökologischer Verantwortung, handwerkliche Tradition mit modernem Designanspruch. Sie sind biologisch abbaubar, in ihrer Wirkung belegt und stammen aus Landschaften, die die Hotels direkt umgeben. Da die Bauwirtschaft unter zunehmendem Druck steht, ihren CO₂-Ausstoß zu messen und zu reduzieren, zeigen diese Hotels, dass Lösungen auf den eigenen Wiesen wachsen. Man muss sie nur ernten und konsequent anwenden.
