Darmstadt,
08
April
2026
|
11:30
Europe/Amsterdam

Warum ist Nachhaltigkeit Bullshit, Benjamin Förtsch? Der Inhaber vom Hotel Luise im Interview

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Meine Eltern wurden früher als ‘grüne Spinner’ abgestempelt und ich mach’ mich heute vielleicht als Redner zum Affen. Aber die Wahrheit ist: Wir können die Welt nicht alleine retten.

Ben Förtsch, Inhaber des Hotels Luise

Benjamin Förtsch vom Hotel Luise gilt als einer der Pioniere der nachhaltigen Hotellerie in Deutschland. Gerade erst wurde sein Haus mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Seit Jahrzehnten entwickelt er Konzepte wie das Nachwachsende Hotelzimmer® und denkt Kreislaufwirtschaft radikal weiter. Und dann sagt er diesen Satz: „Nachhaltigkeit ist Bullshit.“ Wir wollten es genauer wissen.

Eine leere Hülle

 

Green Pearls®: Ben, du bekommst den Deutschen Nachhaltigkeitspreis und gleichzeitig sagst du, dass du das Wort Nachhaltigkeit schon gar nicht mehr hören kannst. Was ist los?

Benjamin: Das Wort ist eine leere Hülle geworden. In der Bubble bedeutet es tausend verschiedene Dinge. Außerhalb der Bubble ist es lästig und negativ behaftet. Ich würde es am liebsten komplett streichen.

 

Green Pearls®: Aber ohne den Begriff fehlt doch die gemeinsame Klammer? Wie sollen wir dann über die Verantwortung gegenüber Folge-Generationen und der Gesundheit des Planeten sprechen?

Benjamin: Vielleicht indem wir nicht mehr über „Nachhaltigkeit“ sprechen, sondern über Resilienz, Wirtschaftlichkeit, Zukunftsfähigkeit. Ersetze doch mal „nachhaltige Hotellerie“ durch „wirtschaftliche Hotellerie“. Für jeden funktionierenden Betrieb ist eine Säule ohnehin erfüllt. Wer ökologisch klug arbeitet, senkt Kosten. Wer sozial fair arbeitet, löst Fachkräftemangel. Das ist keine Nische – das ist unternehmerische Logik.

Ist die Hotelbranche für den Klimawandel überhaupt relevant?

 

Green Pearls®: Trotzdem bleibt der Vorwurf: Ein Hotel verbraucht mehr Energie, mehr Wasser, produziert mehr Abfall als ein Privathaushalt. Buffets, Wellness, Beleuchtung. Ist nachhaltige Hotellerie da nicht ein Widerspruch?

Benjamin: Da vergleicht man Äpfel mit Birnen. Hast du zu Hause ein Buffet und einen Wellnessbereich? Ein Hotel kann sogar effizienter sein, weil Prozesse gebündelt sind. Außerdem ist ein Hotel ein Testlabor und Showroom. Die Frage ist: Was macht man daraus? Ich bin überzeugt, dass Gäste bei uns im Hotel Luise einen positiven Beitrag leisten.

 

Green Pearls®: Der größte Klimaeffekt einer Reise entsteht aber gar nicht im Hotel – sondern bei der An- und Abreise. Was sagst du dazu? Ist der Einfluss eines Hotels da nicht begrenzt?

Benjamin: Natürlich ist er begrenzt. Aber als Hotelier kann man ja auch überlegen, welche Zielgruppe man anspricht. Ist mein Gast ein Mehrwert für die Region? Kommt er/sie mit der Wertschöpfungskette in Kontakt? Hotels haben die Aufgabe, diese Vernetzung herzustellen. Ich habe mal einen Vortrag einer Stahlhütte gehört. Die sparen mit ein paar Stunden optimierter Begleitheizung mehr Strom ein, als wir im ganzen Jahr verbrauchen. Ist damit alles sinnlos, was wir tun? Nein. Es gibt deutlich mehr Hotels als Stahlhütten!

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Green Pearls®: Kleinvieh macht auch Mist. Du betonst immer wieder, dass wir alle nicht genug tun. Sind Bio-Seife und Handtuch-Schilder zu wenig?

Benjamin: Erstaunlicherweise machen viele Hotels mehr, als sie kommunizieren – nicht andersherum.

 

Green Pearls®: Diese Erfahrung machen wir auch oft! Wenn wir die nachhaltigen Maßnahmen der Hotels auf unserer Green-Pearls-Seite auflisten, kommt oft ein Engagement ans Licht, von dem kein Gast etwas wusste.

Benjamin: Ja, das ist oft so. Trotzdem reicht es nicht.

Alle Maßnahmen zusammen sind für unseren Planeten immer noch zu wenig. Das treibt mich an. Wir müssen ständig neue Wege suchen.

Green Pearls®: Du willst diese Maßnahmen nicht mehr unter “Nachhaltigkeit” zusammenfassen. Aber ohne diesen Begriff gäbe es viele Bewegungen, Netzwerke und Zertifizierungen gar nicht. Brauchen wir nicht doch gemeinsame Standards?

Benjamin: Standards, ja. Worthülsen, nein. Wenn nachhaltige Hotellerie bedeutet, dass die Branche resilienter, unabhängiger und zukunftsfähiger wird, dann bin ich dabei. Aber wer glaubt, das sei ein Nischenmodell, hat den Schuss nicht gehört.

 

Green Pearls®: Woher kommt diese Ernüchterung?

Benjamin: Meine Eltern haben vor 45 Jahren angefangen, Nachhaltigkeit im Tourismus voranzutreiben. Vor 30 Jahren gab es schon die gleichen Kriterien wie heute bei Zertifizierungen. Vor 15 Jahren haben wir begonnen, unseren CO₂-Fußabdruck zu messen und klimaneutral zu werden. Vor 10 Jahren haben wir das Nachwachsende Hotelzimmer® gebaut. Und irgendwann war ich frustriert. Ich dachte: Irgendwie bewegt sich ja scheinbar nix.

Wenn sich wirklich etwas bewegen würde, müsste ich doch nicht immer noch das gleiche erzählen wie meine Eltern damals!

Green Pearls®: Aber du kämpfst ja trotzdem noch weiter den grünen Weg!

Benjamin: Ja, natürlich. Meine Eltern wurden früher als “grüne Spinner” abgestempelt und ich mach’ mich heute vielleicht als Redner zum Affen. Aber die Wahrheit ist: Wir können die Welt nicht alleine retten. Ich habe es ein bisschen versucht; hat nicht geklappt. Deshalb haben wir die Wall of Change entwickelt. Über 270 Maßnahmen hängen dort – von klein bis groß. Jede Einzelne ist eine Einladung zur Inspiration und diese gibt mir auch den Ansporn, dass da einfach immer noch was geht!

Green Pearls®: Letzte Frage: Wenn „Nachhaltigkeit“ als Begriff ausgedient hat – was bleibt dann?

Benjamin: Verantwortung. Unternehmertum. Und die Erkenntnis, dass wir alle sowohl Teil des Problems als auch der Lösung sind.

Über das Hotel Luise

Das Hotel Luise in Erlangen wird von Benjamin Förtsch in dritter Generation geführt und zählt zu den Pionieren der regenerativen Hotellerie in Deutschland. Das familiengeführte Stadthotel ist langjähriger Partner von Green Pearls® und wurde 2025 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Beherbergungswirtschaft ausgezeichnet. So setzt es als eines der ersten Stadthotels in Deutschland auf umfassendes Kreislaufdenken: Materialien und Ressourcen werden so eingesetzt, dass sie möglichst lange im Nutzungskreislauf bleiben. Waschbare und langlebige Materialien ersetzen Einwegprodukte, Naturkosmetik kommt aus nachfüllbaren Spendern und im Garten entsteht ein Mikrowald, der Lebensraum für Pflanzen und Tiere schafft.

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