Wie hast du eine Hotel-Zertifizierung für Nachhaltigkeit entwickelt, Suzann Heinemann?
Nachhaltigkeitszertifizierungen gibt es inzwischen eine ganze Menge. Immer wieder lesen wir von Label- oder Zertifizierungsdschungeln. Nicht alle sind transparent oder stützen sich nachweislich auf etablierte Standards, wie beispielsweise die Sustainable Development Goals (SDG). Wie eine vertrauenswürdige, transparente und gute Zertifizierung entwickelt werden kann, darüber haben wir mit der Gründerin und CEO des GreenSign Instituts Suzann Heinemann gesprochen. Sie erzählt nicht nur, wie und warum GreenSign entstanden ist, sondern verrät auch persönliche Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit.
__________________________
Wie alles begann …
Vogelgezwitscher und Sonnenstrahlen bilden den Rahmen, als wir Suzann Heinemann auf der Terrasse des Schlosshotels Blankenburg treffen. Die GreenSign Gründerin sitzt an einem Tisch und genießt sichtlich einen der ersten sommerlichen Tage des Jahres. Gerade ging das Green Summer Camp zu Ende, ein mehrtägiger Workshop im Barcamp-Format, dessen Ziel es ist, nachhaltig engagierte Unternehmer*innen zu vernetzen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Die Teilnehmenden sind noch in letzte Gespräche vertieft, bevor es für alle wieder nach Hause geht.
Green Pearls®: Hallo Suzann! Danke, dass du dir die Zeit nimmst. Du kommst ja gerade direkt aus dem diesjährigen Green Summer Camp. Wie war das für dich?
Suzann Heinemann: Ach, es ist immer wieder schön! Vorher bin ich allerdings aufgeregt. Ich kenne die Teilnehmer nicht. Die Teilnehmer kennen sich nicht und viele kennen auch das Konzept „Barcamp“ nicht. Insofern ist es dann immer wieder total faszinierend, wie schnell wir den Session-Plan haben und was für tolle Themen wir finden. Nach drei Tagen Barcamp mit dieser besonderen Stimmung bin ich so richtig beseelt und fahre super motiviert nach Hause.
Green Pearls®: Woher kommt deine Begeisterung für Nachhaltigkeit?
Suzann: *lacht* Tatsächlich war es bei mir gar nicht so intrinsisch wie bei anderen, die unseren Planeten retten wollen. Das Interesse und dann auch die Begeisterung kamen durch die GreenLine Hotels.
Green Pearls®: Kannst du das genauer erklären?
Suzann: Wir, also mein Mann und ich, hatten vor über 20 Jahren eine Hotelkooperation mit Hotels im Grünen gegründet: die GreenLine Hotels. Das war tatsächlich der Ursprung meines Interesses, da sich der Name im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Nachhaltigkeitsbegriff entwickelt hat.
Green Pearls®: Also kam der Anstoß eher von außen, weil sich die Gesellschaft mehr und mehr für das Thema interessierte und alles was „Green“ hieß mit Nachhaltigkeit assoziiert wurde. Wie hast du darauf reagiert?
Suzann: Meine Einstellung war damals eher: „Nachhaltigkeit im Tourismus finde ich schwierig.“ Mit dem Thema beschäftigt habe ich mich vor allem, weil wir mit dem Namen GreenLine eben immer in eine nachhaltige Schublade gesteckt wurden. Ich war dann auf Seminaren, habe Bücher gelesen und hatte zu Beginn vor allem einen Gedanken: „Oh Gott, was ist das für eine Tsunami-Welle, die da im Tourismus auf uns zukommt?!“
Aber dann siehst du auf einmal ein paar Leuchttürme, ein paar Vorreiter, die einfach machen. Und da dachte ich: Das finde ich gut. Und das wäre auch ein richtiger USP für unsere Hotels. Erst im (für mich) zweiten Step kam die Wichtigkeit für den Planeten und auch für den Tourismus. Wir wollen ja alle gerne reisen. Und das noch lange.
Von der Hotelkooperation zur Zertifizierung
Green Pearls®: Was war euer erster Schritt auf dem Weg zu GreenSign?
Suzann: Wir haben uns die verschiedenen Zertifikate angeschaut und haben vor allem drei Dinge festgestellt: zu teuer, zu kompliziert, zu praxisfern. Das kriegen wir einfach nicht hin. Und vielleicht ist es für unsere Hotels auch noch zu früh.
Ich habe mich dann mit Studierenden der Hochschule Heilbronn hingesetzt und ein eigenes Nachhaltigkeits-Zertifikat entwickelt. Dabei ging es um Regionalität und Saisonalität beim Einkauf, um Energiethemen, wie Wasser, Abwasser, Wärme und Strom, aber wir haben auch einen großen Fokus auf die Soziale Säule gelegt. So haben wir innerhalb eines Jahres GreenSign 1.0 entwickelt. Das war großartig.
Green Pearls®: Hattest du gar keine Zweifel?
Suzann: Ich war anfangs schon ein bisschen skeptisch. Doch die Studierenden haben gesagt, „Genauso muss das sein!“ Ich habe denen dann einfach vertraut.
Green Pearls®: Und wie ging es weiter? Wie liefen die ersten Zertifizierungen?
Suzann: Wir sind zu den Hoteliers gegangen, haben unsere Erkenntnisse geteilt, für das Thema sensibilisiert und dann Schritt für Schritt zertifiziert. Ein Jahr lang haben wir sie begleitet und am Ende waren 95 % total begeistert. Auch, weil sie viele Punkte aus unserem Kriterienkatalog eh schon selbst umgesetzt haben. Gerade, was Regionalität, Mitarbeiter-Fürsorge und Energie angeht. Aber es waren eben auch 5 % der Hoteliers dabei, die das komplett abgelehnt haben. Da mussten wir ganz konsequent zum Jahresende 2014 sagen, dass sich unsere Wege trennen, weil wir den nachhaltigen Weg weitergehen werden.
Green Pearls®: Das scheint ein echter Schlüsselmoment in GreenSigns Geschichte gewesen zu sein. Gab es davon noch weitere?
Suzann: Ja, das war es. Ein weiterer Schlüsselmoment war eine Konferenz in Luzern. Da war ich eingeladen und saß auf dem Podium, um – was ich vorher natürlich nicht wusste – total vorgeführt zu werden! Man hat mich so auseinandergenommen. Warum wir was Eigenes entwickelt hätten, wo es doch so viele Zertifikate gebe. Warum wir noch etwas zum Zertifizierungs-Dschungel hinzugefügt hätten. Das ginge nicht, sei Greenwashing und so weiter.
Green Pearls®: Das klingt furchtbar! Was hast du dann gemacht?
Suzann: Ich bin nach Hause gefahren und habe beschlossen, dass ich es denen zeigen werde – und dass wir ein eigenes Institut gründen. *lacht*
2015 starteten wir mit dem Institut, gründeten GreenSign und haben einen Nachhaltigkeits-Beirat gesucht. Wir wussten: Wir brauchen die Fachleute, wir brauchen die Wissenschaft dazu. Unseren vorhandenen Kriterienkatalog haben wir erweitert und immer weiterentwickelt hin zu dem Zertifizierungstool, das wir heute haben. Seit 2022 sind wir damit vom GSTC (Global Sustainable Tourism Council) anerkannt.
Green Pearls®: Würdest du sagen, es ist heutzutage einfacher, mit einer nachhaltigen Entwicklung zu starten, weil es jetzt zum Beispiel Tools wie eures gibt?
Suzann: Ich würde eher sagen, dass es akuter geworden ist. Vor 20 Jahren gab es den Overtourism noch nicht so, wie es ihn heute gibt. Aber auch die Themen Klima und Umwelt sind wichtiger denn je.
Allerdings habe ich das Gefühl, dass viele jetzt da stehen, wo ich vor 15 Jahren stand – nämlich vor der Tsunami-Welle. Unser Maßnahmenkatalog hilft den Hoteliers, sich auf den Weg zu begeben. Wir haben die Standards explizit für Hotels runtergebrochen und wir kriegen immer wieder das Feedback, dass er einfach ein supertolles Tool ist, mit dem sie von Abteilung zu Abteilung gehen und sich Gedanken machen können. Nachhaltigkeit fängt im Kopf an. Es fängt beim Umdenken an: Was und wo kaufe ich? Wie mache ich etwas?
Green Pearls®: Wie würdest du GreenSign mit 3 Worten beschreiben?
Suzann: Praxisnah, Transparent und ein guter Fahrplan.
Green Pearls®: Transparent ist ein super Stichwort: Wir haben den Anforderungskatalog ja schon angerissen. Kannst du im Detail noch einmal beschreiben, worauf euer aktueller Anforderungskatalog aufbaut?
Suzann: GreenSign 1.0 ist ja mit Studierenden entstanden und die haben sich angeguckt, was andere Zertifizierungen machen und was die GSTC, die ISO14001 und ISO26000 sagen. Daraus haben wir den Katalog für die Hotellerie entwickelt. Diese ersten 5 Kernbereiche waren noch sehr schmal und einfach.
Aber wir haben ständig weiter an dem Katalog gearbeitet und uns dabei sehr stark an den GSTC-Kriterien entlanggehangelt, dann natürlich die ISOs, EMAs und schließlich die SDGs, als die 2015 rauskamen. Mittlerweile sind wir bei GreenSign 5.0 angekommen.
Green Pearls®: Und wo geht die Entwicklung hin?
Suzann: Wir wollen eine Love-Brand sein! Wenn jemand ein Nachhaltigkeits-Zertifikat haben will, soll er nicht sagen: „Ich brauche ein Nachhaltigkeits-Zertifikat“, sondern „Ich brauche GreenSign.“ Ich wünsche mir, dass GreenSign für Nachhaltigkeit steht.
Außerdem werden wir uns an die EU-Regularien halten und unser System als Konformitätsbewertungsprogramm akkreditieren lassen. Damit jeder Hotelier auch zukünftig mit uns auf der sicheren Seite ist.
Green Pearls®: Was würdest du zu jemandem raten, der jetzt hochmotiviert den eigenen nachhaltigen Weg starten möchte?
Suzann: Anfangen. Einfach anfangen. Viele wollen alles sofort perfekt machen, aber das muss gar nicht sein! Nachhaltig darf und muss sich immer weiterentwickeln. Wir betrachten es deshalb so, dass wir den Moment aufnehmen und dann im Austausch bleiben. Die Hoteliers und Partnern können uns ja sagen, welche Maßnahmen in zwei Monaten oder auch erst in ein oder zwei Jahren umgesetzt werden sollen. Also: Jetzt starten und dann gemeinsam den Weg weitergehen.
Green Pearls®: Das ist doch ein schönes Schlusswort. Dann vielen Dank für deine Zeit und wir wünschen dir einen schönen Sommer!
Über das GreenSign Institut
Das GreenSign Institut vergibt seit 2015 die angesehene Nachhaltigkeitszertifizierung GreenSign. Ursprünglich für Hotels entwickelt findet sie inzwischen branchenübergreifend Anwendung. Diese Zertifizierung orientiert sich an hohen Nachhaltigkeitsstandards darunter die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen.
Mit GreenSign erhalten Hotels, Gastronomie-Betriebe, SPAs und andere Unternehmen ein umfassendes System zur Bewertung ihrer ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen anhand von über 130 Kriterien. Wer möchte, kann zusätzlich einen CO2-Fußabdruck erstellen lassen. Das hilft den Betrieben, nicht nur ihre Nachhaltigkeitsinitiativen im Ist-Zustand festzustellen, sondern sie auch weiterzuentwickeln und ihre Abläufe zu optimieren. In Deutschland ist GreenSign Marktführer im Bereich der nachhaltigen Hotelzertifizierungen. Weltweit sind über 850 Unternehmen in 19 Ländern mit der GreenSign-Zertifizierung ausgezeichnet.
