Darmstadt,
30
November
2022
|
07:59
Europe/Amsterdam

Wie wird man nachhaltiger Hotelier, Marc Traubel? (Pioniere der Nachhaltigkeit – Interviewserie)

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Wir Hoteliers haben eine gewisse Bildungsaufgabe und das müssen wir auf eine Art und Weise und mit gesundem Menschenverstand an unsere Gäste weiterbringen. Das ist etwas, was mir am Herzen liegt.

Marc Traubel

Als nachhaltiger Hotelier verschreibt man sich dem Wohl der Gäste und sorgt dafür, dass diese ihren Urlaub voll und ganz genießen können. Ohne schlechtes Gewissen. Was bringt Menschen dazu, diesen Weg einzuschlagen? Wie wird man nachhaltiger Hotelier? In dieser Interviewserie unter dem Titel „Pioniere der Nachhaltigkeit“ beantworten Green Pearls® Hoteliers genau diese Frage und teilen ihre Gedanken zu Nachhaltigkeit, Hotelbusiness und ihrem Werdegang.

Heute: Marc Traubel vom HUBERTUS Mountain Refugio in Balderschwang

Über Meilensteine und fließenden Wandel

Marc Traubel erreichen wir in seinem Büro im ehemaligen Fitnessraum des Hotels. Lachend erzählt er, dass er hierhin ausquartiert wurde, als sie den Platz im Gemeinschaftsbüro anderweitig brauchten. Hinter ihm hängt ein Wanderrucksack an einem Garderobenständer. „Der Blick da nach Süden ist schon sensationell“, sagt er und richtet die Kamera aus dem Fenster und auf den gegenüberliegenden Hausberg. Im Winter sehe er allerdings nichts, erklärt er dann. Da lägen vier, fünf Meter Schnee auf dem Holzstapel vor dem Fenster.

Green Pearls®: Hallo Marc, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst und uns einmal Rede und Antwort stehst.

Marc: Ja gerne!

 

GP: Wie würdest du denn euer Hotel in den berühmten drei Worten beschreiben?

Marc: Wir haben mal vor ein paar Jahren einen Markenworkshop gemacht und da kam raus: Kraftvoll, klar, bewegend. Das waren die drei Wörter, auf die wir nach einem langen Prozess gekommen sind. Ob dieser Prozess aktuell noch stimmt, kann ich gar nicht sagen. Ich habe schon lang nicht mehr drüber nachgedacht. Kraftvoll, klar, bewegend war schon sehr gut.

*Er denkt einen Moment nach*

  • Ich sage jetzt mal familiär. Familiär ist was, das gut zu uns passt.
  • Individuell. Ich hasse Standards.
  • Und auf a gewisse Art und Weise einzigartig.

 

GP: Wie lange bist du schon im Hotelbusiness dabei?

Marc: Im Hotelbusiness? Ich bin in der Hotellerie, oder wenn man so will im Gastgewerbe über dreißig Jahren schon. Wenn nicht sogar noch länger. Mit zehn Jahren bin ich das erste Mal mit hinter der Theke gestanden, habe auf unserer Hütte, die wir damals gehabt haben, mitgeholfen. Vor circa 25 Jahren habe ich meine Lehre angefangen. Und seit 12 Jahren bin ich hier im elterlichen Hotel.

Ich war in diversen Hotels, zum Beispiel im Oberallgäu, wo ich meine Lehre gemacht hab. Danach durfte ich damals noch zur Bundeswehr, war dann in Lech für eine Wintersaison, war zwei Jahre im Schwarzwald, zwei Jahre in Nürnberg. Dann zwei Jahre in Heidelberg, weil ich den Betriebswirt gemacht, also da studiert habe, dann zwei Jahre in Dubai und jetzt eben zurück im elterlichen Betrieb.

 

GP: Und hast du dich von Anfang an für Nachhaltigkeit im Hotel interessiert?

Marc: Mei, wenn man jetzt sagt, ich habe in Dubai gelebt und gearbeitet ... Man weiß wie diese Stadt oder dieses Land funktioniert. Da muss man schon oft die Augen zudrücken. Was dort passiert, mit welchen Mitteln hier versucht wird, den Tourismus reinzuholen, wenn die Ressource Öl einmal aufgebraucht ist …

Mein Vater hat schon sehr, sehr früh angefangen verschiedenste technische Möglichkeiten zu implementieren im Haus. Und ich sag es ganz krass: Nicht um Strom zu sparen, sondern ich behaupte mal der Vorgänger von Nachhaltigkeit war einfach Geld sparen. Man hat früher einfach geschaut, Energie zu schonen, weil es auf den Geldbeutel gegangen ist. Man hat die Räume nur solange geheizt, wie man es gebraucht hat. Man hat Lüftungen ganz knapp ausgeschalten. Das sind viele solcher Punkte, die man früher aus einem anderen Hintergrund gemacht hat. So, kenne ich das von sehr, sehr vielen Hotels, wo es dann einfach um‘s Geld gegangen ist. Und jetzt wird das Ganze halt als nachhaltig dargestellt. Aber ich glaub, da sind schon sehr, sehr viele Hoteliers lange dran und schauen, wie man effizient arbeiten kann. Jetzt ist es die Ressourcen schonend, früher war es Geldbeutel schonend.

Ob man das als Umweltbildung bezeichnet, als Nachhaltigkeit oder als ich weiß nicht was, aber es hat ein Wandel im Kopf fließend stattgefunden.

Marc Traubel

Nachhaltigkeit ist Nachdenken

GP: Gab es für dich einen Schlüsselmoment, an dem die Entscheidung gefallen ist, aus dem HUBERTUS ein nachhaltiges Hotel zu machen?

Marc: Das ist schleichend und in vielen Schritten passiert. Ich meine, wir haben seit zwölf Jahren eine Pelletheizung drin, hatten aber parallel die letzten zehn Jahre lang noch eine Ölheizung gehabt. Die haben wir rausgeschmissen vor zwei Jahren. Aber das war so eine Entscheidung, die hatte jetzt nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Die Heizung war gut und was wäre der Vorteil gewesen, sie rauszureißen? Sie war eine Ausfallsicherung, haben wir im Jahr fünf Mal gebraucht. Aber wir haben sie gebraucht.

Ich sag ganz ehrlich, die Greta Thunberg hat mit ihren Sachen einfach viele Leute zum Nachdenken angeregt. Und bei uns dann eben auch: Mensch, brauchen wir das, brauchen wir dies, reißen wir das raus? So diesen eindeutigen Moment, diesen Urknall gab es gar nicht. Es gab auch oft einfach nur Erkenntnisse.

Wir leben mitten in der Bergwelt. Die Natur bestimmt unser Leben, prägt unser Leben. Und das schon immer. Natürlich spielt das bei gewissen Entscheidungen auch mit rein. Besonders jetzt nach dem Lawinenabgang ist die Natur, im positiven wie im negativen Sinne, noch viel präsenter im Kopf. Wir haben im wahrsten Sinne gelernt, dass man sie respektieren muss. Und haben das dann im Neubau des Mountain Spring Spa natürlich mit eingebracht. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Aber auch in der Kulinarik liegt bei uns schon lang der Fokus auf Regionalität. Zum Beispiel bei unserem Fleisch. Den Schweinderl, den Kälbern und Rindern. Ich weiß jetzt nicht ob das in die Richtung mit reingeht, aber es gehört für mich einfach da dazu. Wir haben für unsere Gäste sehr, sehr viele eigene Schweine schon sehr viele Jahre, die am Bach unten leben. So zeigen wir den Gästen einfach den Rhythmus des Lebens. Die Schweine sind jetzt da unten, die werden den Sommer über gefüttert, die haben ein schönes Leben und irgendwann landen sie dann halt bei uns auf dem Grill.

Ob man das als Umweltbildung bezeichnet, als Nachhaltigkeit oder als ich weiß nicht was, aber es hat ein Wandel im Kopf fließend stattgefunden.

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Meilensteine, Lawinen und Geschichte

GP: Würdest du nochmal kurz eure Entwicklung in drei bis vier Meilensteinen skizzieren?

Marc: Kurz von der Historie her: Das Haus in dem wir gerade sitzen, das Ursprungsgebäude, wird nächstes Jahr hundert Jahre alt. Und meine Großeltern haben das ganze vor 71 Jahren erworben. Warum meine Großeltern damals hierhergekommen sind, weiß man nicht wirklich. Aber es muss sie irgendetwas an diesem Ort gehalten haben.

Vielleicht ist allein dieses Jahr 1951, am ersten August, dieser Schritt nach Balderschwang in die Selbstständigkeit ein großer Meilenstein.

Was ein zweiter Meilenstein oder ein besonderer Moment ist, ist als der Großvater 1980 relativ kurzfristig gestorben ist. Da kamen mein Onkel und mein Vater zurück, haben das Unternehmen von der Oma gepachtet und haben aber kurz darauf festgestellt, dass alle drei auf einem Haufen einer zu viel ist. Wir haben deshalb einen zweiten Betrieb mit dazu gepachtet.

Das war vielleicht so dieser Übergang: Das Ableben vom Opa und Übergeben auf die nächste Generation, weil sie mussten und weil sie dann kämpfen mussten. Das war schon ein zweiter großer Schritt in der Entwicklung dieses Hauses.

Ein dritter großer Meilenstein kam circa 22 Jahre später, als das Thema Wellness aufgeploppt ist. Da haben die Traubel-Bursche, wie man sie genannt hat, einfach den Schritt in die Wellness Hotellerie hineingewagt haben. Meine Mutter hat Apothekerin und Heilpraktikerin gelernt und so haben wir diese Sachen wie Wellness, Ayurveda und Yoga mit ins Haus hineingebracht. In einer Zeit vor zwanzig Jahren, wo manche Hotels Saunen hatten, die so groß wie Telefonzellen waren.

Ein sehr, sehr großes, einschneidendes Ereignis, das allerdings nicht geplant war, war die Lawine die uns am 19. Januar 2019 getroffen hat und unseren damaligen Spa, wir haben immer gesagt unser Herzstück, zerstört hat. Und den wir dann wieder komplett neu aufgebaut haben.

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Es braucht nicht viel zum nachhaltigen Hotelier

GP: Was braucht man deiner Meinung nach, um ein nachhaltiger Hotelier zu sein? Oder anders gefragt: Wie wird man nachhaltiger Hotelier?

Marc: Gesunder Menschenverstand. Das ist einmal das A & O. Nachhaltigkeit in der Hotellerie steht, behaupte ich mal, auf zwei großen Säulen. Zum einen die Lebensmittel: Wo kommen die her, wie werden die Tiere gehalten? Das ist schon sehr, sehr wichtig. Es kann einfach nicht sein, dass ein Kilo Schweinefilet 5 Euro kostet. Das geht nicht, das kann nur scheiße sein. Entschuldigung für die ehrliche Aussprache.

Wir haben auf Bio umgestellt, was den größten Teil der Küche anbelangt und wir haben auch sehr, sehr viele regionale Lieferanten von Schweinen, von Rindern, von Hühnern. Wenn man einfach ab und zu mal diesen großen Rattenschwanz zwischen drin rauslässt, was Zulieferer, was auch große Cash-and-Carry-Märkte dazwischen verdienen, und direkt vom Produzenten abkauft, ist das gar nicht so viel teurer. Es ist ein Aufwand solche Sachen dann zu verarbeiten. Aber es kostet halt einfach nicht viel mehr.

Und das zweite ist die Sache der Energieerzeugung, der Energiegewinnung und das Ganze sinnvoll anzugehen. Es ist nicht damit getan, dass man sagt: Okay, ich stelle jetzt hier zwei Flüssiggas-BHKW's hin und mache da zwei Spitzenlast-Pelletkessel dazu. Ich bin da ein großer Technikfreak, der sehr, sehr viel rumprobiert, um die Effizienz der Anlagen möglichst nach oben zu drehen. Also eine technische Verliebtheit braucht man schon mit dazu.

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GP: Rein perspektivisch: Was müsste ein Nachfolger mitbringen? Was würdest du dir wünschen?

Marc: Also erstmal hoffe ich, dass der Nachfolger erst in vielen Jahrzehnten kommt. Was sich bis dahin ändert, das kann ich noch nicht sagen. Das ist wirklich schwierig. Er soll freundlich sein und einen gesunden Menschenverstand mitbringen, logisches Denken. Der Rest, den lernst du. Aber so eine persönliche, positive Einstellung und logischen Menschenverstand, das muss man einfach mitbringen.

 

GP: Was wünschst du dir für die Zukunft?

Marc: Also auf gewisse Art und Weise müssen wir alle umdenken. Ein Hotel in unserer Größe, egal wie es geheizt wird, ist ein Luxusobjekt. Man braucht keinen Pool. Man braucht keine vier Saunen. Man braucht kein auf 30 Grad geheiztes Hotelzimmer. Das ist ein Luxusobjekt. Und wir Hoteliers haben eine gewisse Bildungsaufgabe und das müssen wir auf eine Art und Weise und mit gesundem Menschenverstand an unsere Gäste weiterbringen. Das ist schon etwas, was mir am Herzen auch liegt.

Es gibt immer Scheißtage, aber genauso gibts auch wieder gute Tage. Ich habe von einer guten Freundin ganz am Anfang von der Pandemie einen Brief gekriegt. Sie hat mir die Geschichte geschickt, von einem König und von einem Berater. Der Berater sagte: „Mensch, lieber König, ich gebe dir einen Zettel. Den versteckst du irgendwo. Wenn's dir echt beschissen geht, dann holst du den Zettel raus und liest das, was da draufsteht. Und auch wenn’s dir richtig, richtig gut geht, dann nimmst du den gleichen Zettel raus und liest, was da draufsteht.“ Und da stand drauf: „Auch das geht vorüber.“

Also wenn es dir richtig beschissen geht, wenn du den größten Liebeskummer hast, wenn dich eine Lawine trifft … Auch das geht vorüber. Und wenn du auf der Welle deines Erfolges schwimmst, wie letztes Jahr, als wir den besten Sommer unserer Geschichte hatten, wir Umsätze gemacht und gearbeitet haben wie sonst irgendwas … Auch das geht vorüber.

Und ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern. Also höre ich auf, da drüber nach zu sinnieren, sondern schau nach vorne und ins Jetzt. Was kann ich jetzt ändern.

Das ist einfach so diese Sache wirklich: Es geht immer weiter, die Erde wird sich immer weiterdrehen. Nicht immer ständig über die Vergangenheit nachsinnen. Es sind Erinnerungen, die sind schön oder schlecht. Aber ich brauch mich nicht mehr drüber aufregen, weil es vorbei ist.

 

GP: Dann danke ich dir für deine Zeit und die schönen Abschlussworte.

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Über das HUBERTUS Mountain Refugio

Gelegen im kleinsten Ort Deutschlands, umgeben von den Bergen der Allgäuer Alpen und geprägt von der Architektur eines einzigartigen Gebäudes: das HUBERTUS Mountain Refugio Allgäu hat vieles zu bieten. Herzstück des Hotels ist der nach einem Lawinenunglück neu errichtete Mountain Spring Spa. Die auffällige Architektur des Gebäudes, das von mehreren Wasserflächen umrahmt ist, fällt auf und lädt zum Wohlfühlen und Entspannen ein. Doch das HolisticLifeKonzept des Hotels umfasst mehr als nur Wellness: Gäste dürfen sich auf gemütliche Zimmer, kulinarische Genüsse und spannende Aktiv-Angebote freuen.

Pioniere der Nachhaltigkeit bei Green Pearls®

Unter diesem Titel werden in der nächsten Zeit verschiedene Hoteliers und Gastgebende zu Wort kommen, ihre Gedanken zur Nachhaltigkeit teilen und über ihre Werdegänge berichten. Die Interviewserie ist fortlaufend und wird im fünf- bis sechswöchigen Rhythmus veröffentlicht. Freuen Sie sich auf den dritten Teil der Serie, der Anfang 2023 veröffentlicht wird.

Hier geht es zum ersten Teil der Serie mit Marion Muller vom Lifestylehotel SAND.