Ist Reisen ein Privileg oder ein Grundrecht?
Ein Wochenende in Rom, ein Sommer am Meer, ein Winterurlaub in den Bergen. Für viele Menschen zählt das zum gewohnten Alltag; planbar, buchbar, fast beliebig wiederholbar. Der Großteil der Weltbevölkerung erreicht diese Selbstverständlichkeit dagegen nie. Für ihn bleibt der eigene Ort oft die einzige bekannte Welt. Einkommen, Inklusion, Pass und Herkunft bestimmen, wem diese Freiheit offensteht und wem nicht. Aktuelle Zahlen belegen dieses Gefälle deutlich, mit teils gewaltigen Unterschieden zwischen einzelnen Ländern und Regionen.
Zahlen zeigen eine Welt der Ungleichheit
Dass Reiseerfahrung extrem ungleich verteilt ist, belegt beispielsweise eine Untersuchung des Pew Research Center (2023). Während in Schweden 88 % der Bürger bereits in fünf oder mehr Länder gereist sind, hat fast ein Viertel der Bevölkerung in den USA noch nie das eigene Land verlassen. Für Menschen im globalen Süden sowie in vielen Schwellenländern bleibt die Reisefreiheit oft ganz theoretisch. Einkommen spielt dabei eine zentrale Rolle. In den 20 der 24 untersuchten Länder gilt: Wer mehr verdient, reist eher international. Auch Bildung wirkt sich aus, in 18 Ländern reisen höher Gebildete häufiger ins Ausland.
Diese Kluft erkennt auch Marco Spiss, Inhaber der Summit Lodges in Pfunds, an. Für ihn ist Reisen „ein Luxus“, den sich große Teile der Weltbevölkerung schlicht nicht leisten können, weil ihr Einkommen fast vollständig für Grundbedürfnisse draufgeht. Er plädiert dafür, das Reisen entsprechend wertzuschätzen, Ressourcen zu schonen und lokale Kulturen zu respektieren.
Wenn der Pass über Freiheit entscheidet
Der Zugang zu Reisen hängt außerdem maßgeblich vom Geburtsort ab. Urlauber aus einkommensschwächeren Ländern und Regionen stoßen oft auf immense bürokratische Hürden und restriktive Visaverfahren. Wie ungleich Reisefreiheit weltweit verteilt ist, zeigt der aktuelle Henley Passport Index. Während Inhaber eines deutschen Passes Zugang zu 186 Destinationen ohne vorher beantragtes Visum haben, sind es beim indischen Pass nur rund 55. Für Menschen aus Ländern mit schwächeren Pässen können Visa, Gebühren, Nachweise und lange Bearbeitungszeiten internationale Reisen erheblich erschweren. Während der globale Westen Bewegungsfreiheit als Grundbedürfnis wahrnimmt, zeigen sich an den Grenzen die realen Macht- und Wohlstandsgefälle.
Dass individuelle Reisemöglichkeiten heute begrenzter sind als noch vor wenigen Jahren, beobachtet auch Marion Muller, Besitzerin der SANDcollection mit ihren zwei Hotels an Nordsee (SANDglow) und Ostsee (SANDnature). Unterwegsein sei restriktiver und bewusster geworden, bedingt durch Krisen und Konflikte weltweit, den Klimawandel, die Staatsangehörigkeit und die persönliche Lebenssituation der Urlauber*innen, aber auch durch ein sich veränderndes Transport- und Reiseangebot.
Reisen verbindet
Für Johann Steinwender, Inhaber vom Hotel Schloss Lerchenhof, bleibt Reisen trotz solcher Hürden vor allem Ausdruck persönlicher Freiheit, verbunden mit Verantwortung gegenüber Natur, Regionen und den Menschen vor Ort. Ihm ist wichtig, Gäste aus aller Welt willkommen zu heißen und dabei jene kulturelle Vielfalt zu bewahren, die diesen Austausch selbst erst lebendig macht, auch für künftige Generationen.
Dass diese Begegnungen einen unschätzbaren Wert hat, belegt auch die Studie des Pew Research Center empirisch. Menschen, die häufig unterwegs sind, entwickeln ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zur Weltgemeinschaft (42 % im Vergleich zu 30 % bei jenen, die selten oder nie reisen) und verfügen über ein breiteres internationales Verständnis.
Diesen Gedanken teilt auch Isis Cordova, Head of Marketing der Inkaterra Hotels in Peru. Für sie ist die Hotellerie eine Chance, Menschen mit Kulturen, mit der Natur und miteinander in Kontakt zu bringen. Noch ist dieser Zugang nicht für alle gleich. Genau deshalb setzt sich Inkaterra dafür ein, Erlebnisse offener und einladender zu gestalten. So sollen mehr Menschen jenes Verständnis, jene Inspiration und jenes Gefühl der Verbundenheit erfahren, das solche Reisen vermitteln können.
Reisen boomt – aber nicht überall gleich
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass der weltweite Reiseboom anhält, aber ungleich verteilt ist. Laut UN Tourism wurden 2025 weltweit rund 1,52 Milliarden internationale Touristenankünfte registriert, fast 60 Millionen mehr als im Vorjahr und ein Plus von vier Prozent. Gleichzeitig konzentriert sich die internationale Reisetätigkeit stark auf wenige wirtschaftsstarke Quellmärkte. China, die USA, Deutschland und Großbritannien gehören zu den Ländern mit den höchsten Ausgaben für internationale Reisen.
Die Nachfrage bleibt also aus bestimmten Regionen hoch, trotz gestiegener Reisekosten und geopolitischer Unsicherheit. Dass mehr Urlauber jedoch nicht automatisch besser sind, kritisiert Ben Förtsch vom Hotel Luise in Erlangen. Für ihn ist Reisen ein Grundrecht, das aber jeder Mensch als Privileg behandeln sollte. Das eigentliche Problem seien nicht wachsende Zahlen, sondern billige All-inclusive-Angebote, die touristische Orte eher zerstören als fördern, da Gäste nie das Hotelgelände verließen. Verträgliche und mehrwertschaffende Aufenthalte sollten für jeden zugänglich sein. Das bedeute aber nicht, dass Fliegen deshalb immer billiger werden müsse. Auch Vanja Vlahov, Managerin des Hotels Korinjak in Kroatien, betont, sinnstiftender Tourismus müsse echte Beziehungen zwischen Menschen, Kulturen und der Natur schaffen, anstatt Destinationen lediglich zu konsumieren.
Barrierefreiheit als gemeinsame Aufgabe
Auch beim Thema Barrierefreiheit zeigt sich im Tourismus noch erhebliches Potenzial. In der EU leben rund 90 Millionen Menschen mit Behinderungen. Gleichzeitig treffen Reisende vielerorts noch auf Hürden und fehlende Barrierefreiheit. 37 Prozent der Menschen mit Aktivitätseinschränkungen haben laut einer Erhebung der Europäischen Kommission schon einmal auf eine Reise verzichtet, weil geeignete barrierefreie Einrichtungen, Ausstattung oder Services fehlten. 48 Prozent würden häufiger verreisen, wenn es mehr entsprechende Angebote gäbe. Die konkrete Umsetzung von Inklusion ist wichtig und Gastfreundschaft muss allen gelten. Dazu gehört auch die Barrierefreiheit, bedeutet sie doch, Teilhabe zu ermöglichen.
Martina Dellerba, Hotelmanagerin vom Relais del Maro in Borgomaro, sieht darin vor allem eine gemeinsame Aufgabe. Solange der Zugang zum Reisen ungleich verteilt sei, trage die Branche Mitverantwortung, Hürden abzubauen statt sie hinzunehmen. Für sie beginnt das im Kleinen, bei der Frage, wen ein Haus tatsächlich willkommen heißt.
Alexander Thurm, Junior-Chef vom Hotel Das Rübezahl, sieht das ähnlich. Reisen sei Ausdruck eines hohen Lebensstandards, den nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung genießt. Umso wichtiger sei es, diesen Luxus verantwortungsvoll zu gestalten, durch Barrierefreiheit, faire Arbeitsbedingungen und soziale Projekte, ohne die globalen Zusammenhänge aus den Augen zu verlieren.
Denn, wie Ursula Wagner, Gastgeberin im Naturresort Gerbehof, erinnert: Das menschliche Bedürfnis zu reisen, um Erfahrungen zu sammeln, andere Sitten kennenzulernen und aufzutanken, ist so alt wie die Menschheit selbst.
Zwischen Privileg und Anspruch
Im Grunde sollte jeder Mensch ein Recht auf Erholung, Entfaltung und kulturellen Austausch haben. Der Zugang dazu hängt in der Praxis jedoch von Einkommen, Pass, Herkunft und Zugänglichkeit ab. Er bleibt damit eher Vorrecht als Recht. Damit sich das ändert, muss die Tourismusbranche gerechter werden. Dazu gehören physische und soziale Teilhabe, faire Löhne und konsequenter Umweltschutz. Wer Reisen nicht als billiges Konsumgut, sondern als respektvolle Begegnung zwischen Welten versteht, schafft die Grundlage dafür, dass dieser Austausch auch künftigen Generationen offensteht.
Unsere Quellen:
- DEHOGA: Barrierefreiheit in Hotellerie und Gastronomie
- European Commission: Accessibility in Inclusive Tourism? Hotels Distributed through Online Channels
- Eurostat: Population with disability
- Henley Global: Asian Nations Dominate Passport Power Ranking as US and UK Continue to Decline
- Pew Research Center: International Travel
- Rainer Ebert: Travel is a right, not a privilege, and the Global South is leading the way
- Statista: Reiseverhalten der Deutschen - Daten & Fakten
- UN Tourism: International tourist arrivals up 4% in 2025 reflecting strong travel demand around the world
- UN Tourism: World Tourism Barometer
