Regenerativer Tourismus: Ein Gegenentwurf zum Overtourism
Regenerativer Tourismus entwickelt sich zunehmend zu einer zukunftsweisenden Alternative im ökologischen Reisemarkt – als bewusste Gegenbewegung zum Overtourism. Destinationen sollen dabei nicht nur intakt hinterlassen, sondern aktiv gestärkt werden. Dazu gehören die Regeneration von Umwelt und Landschaften, die Unterstützung lokaler Gemeinschaften und die Vermittlung kultureller Erlebnisse. Regenerativer Tourismus verbindet somit ökologisches Engagement, soziale Verantwortung und wirtschaftliche Fairness.
Die richtigen Spuren hinterlassen
Studien des Deutschen Wirtschaftsinstituts für Freizeit und Tourismus (dwif) zeigen, dass Reisende nicht nur umweltbewusst und abseits der Massen reisen wollen, sondern zunehmend nach Möglichkeiten suchen, einen positiven Einfluss auf die Destination zu haben. Gäste werden somit zu aktiven Teilnehmenden eines regenerativen Wandels: vom Pflanzen eines Baumes über Pflege von Biotopen bis hin zur Wiederbelebung historischer Strukturen.
Für Unternehmen und Unterkünfte im Tourismus bedeutet dies, dass nachhaltige Angebote mit hochwertigen, authentischen und sinnvollen Erlebniswerten kombiniert werden müssen. Verantwortungsvolles Wirtschaften muss strategisch verankert, Betriebsabläufe überprüft und umweltschonende Maßnahmen implementiert werden. Entscheidend sind authentische Initiativen, die Gäste aber auch Mitarbeitende einbeziehen und über die transparent informiert wird.
Regenerativer Tourismus kann zu einem Paradigmenwechsel werden – zu einer Einladung, bewusst zu erleben, zu lernen und einen positiven Fußabdruck zu hinterlassen.
Die (Wieder-)Belebung ländlicher Gebiete
In Ligurien zeigt das Albergo Diffuso Relais del Maro, wie regenerativer Tourismus die kulturelle Identität kleiner Dörfer stärkt. Das Konzept der Alberghi Diffusi integriert Hotelstrukturen in bestehende Ortskerne und sorgt so für die Erhaltung historischer Gebäude. Gäste erleben lokale Architektur, heimische Traditionen und regionale Gastronomie, während sie gleichzeitig die Wiederbelebung des Dorfes aktiv unterstützen. Die Restaurierung leerstehender Häuser mit örtlichen Materialien, die enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde und die Förderung von Handwerksbetrieben sind zentrale Bausteine dieses Ansatzes. Regenerative Konzepte stärken auf diese Weise nicht nur Natur, sondern vor allem soziale und kulturelle Strukturen.
Auf der kroatischen Insel Iž wird deutlich, dass der Erhalt des ursprünglichen Charakters einer Region eng mit einer Begrenzung der Besucherzahlen verbunden ist. Das Hotel Korinjak ist das einzige Hotel auf der Insel und operiert ausschließlich saisonal von Frühjahr bis Frühherbst. Die insgesamt 76 Zimmer sollen nicht erweitert werden, was eine Unterbringung sehr großer Gruppen bewusst ausschließt. In den benachbarten Nationalparks Kornati, Paklenica und Telašćica gelten strenge Zugangsregelungen: Markierte Wege müssen eingehalten, empfindliche Gebiete dürfen nur eingeschränkt betreten und Boote nur in bestimmten Zonen ankern. Gäste zahlen darüber hinaus Eintritt oder benötigen Genehmigungen, was die Nutzung kontrolliert und die Umwelt schützt.
Regenerativer Tourismus als Erlebnis
Eco-Tourismus bedeutet, die Umwelt zu schonen; regenerativer Tourismus geht einen Schritt weiter: Er stellt sie aktiv wieder her, bereitet lokale Ökosysteme auf und fördert langfristige Resilienz.
Regeneration als Teil der Philosophie der Inkaterra-Hotels
In Peru setzt sich die Hotelgruppe Inkaterra seit mehr als 50 Jahren aktiv für den Schutz der einzigartigen Ökosysteme des Landes ein. Von Beginn ist das „Zurückgeben“ der Kern der Inkaterra-Philosophie und eine Herzensangelegenheit der Inhaberfamilie rund um Öko-Pionier José Koechlin von Stein. Sei es die Renaturierung ehemaliger landwirtschaftlicher Flächen in Machu Picchu Pueblo mit einheimischem Nebelwald, die enge Zusammenarbeit mit lokalen Behörden zur Minimierung des Mülls (ebenfalls Machu Picchu Pueblo), die Errichtung eines privaten Meeresschutzgebiets im Norden Perus oder der aktive Schutz und die Erforschung des Regenwalds am Rande des Tambopata Nationalparks am Madre de Dios River. Gäste erleben auf Führungen, Naturerlebnissen und Exkursionen die Projekte und Forschung hautnah und unterstützen mit ihrem Aufenthalt das Engagement der Hotelgruppe.
Naturschutz und Wiederaufbau in den Alpen
Das OLM Nature Escape versteht sich ebenfalls als Teil des regenerativen Denkens. Das Hotel setzt bewusst auf Maßnahmen, die der Natur, der Region und der Gemeinschaft zugutekommen: ein Wildgarten mit Biotop-Pflanzen, eine Küche, die regionale Kreisläufe unterstützt, nachhaltige Mobilität und die Förderung lokaler, sozialer Projekte wie den Sägemüllerhof in Gais. Auch die Gäste werden aktiv einbezogen und motiviert, ihren Urlaub ressourcenschonend zu verbringen, zum Beispiel mit dem Verzicht auf die tägliche Zimmerreinigung, der Wahl sanfter, naturverbundener Aktivitäten wie Wandern, Waldbaden oder Eisbaden sowie der Nutzung regionaler Produkte. So entsteht ein Urlaubserlebnis, das mehr zurückgibt, als es nimmt, und Gäste zum Teil des Kreislaufs macht.
Auch im Naturhotel Outside im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern erleben Reisende Prinzipien des regenerativen Tourismus' in einem der größten Schutzgebiete Mitteleuropas. Hier wird die Landschaft nicht nur als Kulisse wahrgenommen, sondern als lebendiges System, das gepflegt und geschützt werden muss. Gäste können die heimische Flora und Fauna beobachten, Wanderungen und Ranger-Touren unternehmen und durch die Teilnahme an Hotel- und Nationalparkprojekten aktiv zum Erhalt und zur Erholung des empfindlichen, alpinen Ökosystems beitragen.
Ganzheitliche regenerative Konzepte in Südtirol und Sizilien
Die ADLER Spa Resorts & Lodges, mit Standorten in ganz Italien, binden Gäste direkt in regenerative Prozesse ein. In der ADLER Lodge RITTEN können Urlauber unter anderem beim gemeinschaftlichen Gartenbau mithelfen. Der große Bauerngarten wird zusammen mit den benachbarten Jungbauern ökologisch und artenreich betrieben – ohne Monokultur und Pestizide. Die umliegenden Wiesen kommen mit minimaler Bewässerung aus und werden von Alpakas beweidet. Das erhält die Bodenstruktur und fördert so die Artenvielfalt. Die sanfte Architektur fügt sich harmonisch in die Landschaft ein; Barfußpfade durch den Wald laden die Gäste dazu ein, sich auf die Natur einzulassen, sie mit allen Sinnen zu erleben und motivieren so, sich für ihren Erhalt einzusetzen.
Naturnahe Gestaltung und Gästeeinbindung
Im ADLER Spa Resort SICILIA finden regelmäßig Strandreinigungen an der Küste zwischen Torre Salsa und Dama Bianca statt, an denen sich Gäste, Mitarbeitende, Einheimische und NGOs gleichermaßen beteiligen. Bio-Gärten und Sinnesgärten machen die besondere Natur Südsiziliens zusätzlich erlebbar.
Zweimal pro Woche finden zudem Nachhaltigkeitstouren durch das Resort statt, bei denen Interessierte lernen, wie die Wasseraufbereitung, Wärmepumpen und Tröpfchenbewässerung funktionieren. Außerdem erkunden sie die mediterrane immergrüne Buschwald-Vegetation des Torre-Salsa-Reservats. Diese bewusste Teilnahme an ökologischen Projekten macht den positiven Einfluss auf die Umwelt für Urlauber unmittelbar erfahrbar und verständlich.
Im Mittelpunkt der Maßnahmen für einen erneuernden Ansatz steht oft der Schutz der Natur. Auch im Hotel Weihrerhof in Südtirol konzentrieren sich daher viele Bemühungen auf die Renaturierung des Seeufers und das Pflegen des angrenzenden Biotops. Der Wolfsgrubener See ist ein beliebter Badesee, der für seine hohe Wasserqualität bekannt ist und oft als einer der saubersten Süßwasserseen Italiens bezeichnet wird. Reisende erleben die Umgebung durch sanften Tourismus wie Spazierengehen, Sonnenliegen, Baden oder beim Rundgang um den See. Durch Informationen am Wegesrand und Impulse zum achtsamen Erleben wird den Gästen bewusst gemacht, wie wichtig respektvolles Verhalten für die Regeneration des Ökosystems ist.
Aktive Förderung der Biodiversität in Süddeutschland
Im Naturresort Gerbehof am Bodensee wird Artenvielfalt auf jedem Quadratmeter praktiziert: Auf den biozertifizierten, landwirtschaftlichen Flächen werden Blühstreifen für Bienen angelegt, im Wald wird auf einen gesunden Baumbestand geachtet, Käferholz entfernt und laufend Jungbäume nachgepflanzt. Im Frühjahr bleibt der Hotelgarten ungemäht, damit Gäste die Vielfalt der Blumen und Insekten erleben können; Rasenroboter sind hier nicht im Einsatz. Darüber hinaus knüpft das Naturresort an das Bildungsprojekt Überlinger Weltacker an: Auf einem Hektar wird dort anschaulich gezeigt, wie viel Land rechnerisch jedem Menschen zur Ernährung zur Verfügung steht, welche Pflanzen weltweit angebaut werden und wie nachhaltige Landwirtschaft funktioniert.
Biodiversität spielt ebenso im Hotel Das Rübezahl im Allgäu eine zentrale Rolle. Für Gäste, die freiwillig auf den Zimmerservice verzichten, pflanzt das Hotel einen Baum in der Region. Auf dem Gelände leben sechs Bienenvölker mit rund 300.000 Bienen, die seltene Wildkräuter, Orchideen und andere geschützte Pflanzen bestäuben. Regelmäßige Führungen mit dem Imker machen ihre Arbeit und ihre Bedeutung für das Ökosystem erlebbar. Darüber hinaus bietet der naturnahe Wellnessgarten Lebensräume für Libellen, Vögel und wechselwarme Tiere. Zusammen mit dem Bund Naturschutz ist das Hotel Gründungsmitglied des Rothwiesenprojekts, welches Nutz- und Weideflächen unterhalb von Schloss Neuschwanstein renaturiert und so neue Biodiversitätshotspots schafft.
Wirtschaften im Kreislauf der Natur
Ein Baustein des regenerativen Ansatzes ist die zirkuläre Wirtschaft: Materialien werden im Wertstoffkreislauf gehalten, Energie effizient genutzt, Biodiversität gefördert und Emissionen reduziert oder (über-)kompensiert. Hotels, die diesem Prinzip folgen, schaffen Orte, an denen Gäste erleben können, wie nachhaltige Konzepte konkret wirken.
Im Hotel Luise in Erlangen wird die Kreislaufwirtschaft ganzheitlich umgesetzt: Unversiegelte Flächen, ein eigens angelegter Mikrowald und vielfältige Artenschutzmaßnahmen sorgen dafür, dass Naturraum nicht nur erhalten, sondern aktiv inmitten der Stadt erschaffen wird. Gleichzeitig verfolgt das Hotel konsequente Ressourcenschonung, von Wiederverwertungskonzepten bis hin zur CO₂-Überkompensation durch Baumpflanzungen.
Auch das SCHWARZWALD PANORAMA setzt Maßstäbe im Bereich Circular Living. Die Cradle-to-Cradle® inspirierten Design-Zimmer bestehen aus gesunden, recycelbaren Materialien, die vollständig in biologische oder technische Kreisläufe zurückgeführt werden können. Das Wellnesshotel ist zudem ausgezeichnet mit dem Bioland-Gold-Zertifikat: In der Küche stammen nahezu alle Zutaten aus kontrolliert ökologischem Anbau, vielfach direkt aus der Region. Ein Naschgarten mit Bienenstöcken sowie Vogel- und Igelhäusern macht Artenvielfalt vor Ort sichtbar und erlebbar. Dazu kommen eine hervorragende GreenSign-Zertifizierung (93 %) und eine durchgehend klimafreundliche Betriebsführung.
Mehr zurückgeben als nehmen
Die Beispiele der Green Pearls® Hotels zeigen eindrucksvoll, dass Reisen mehr sein kann als bloßer Konsum von Landschaften und Freizeitangeboten. Regenerativer Tourismus bietet die Möglichkeit, dass Gäste nicht nur Zuschauer sind, sondern aktive Teilnehmer.
Von der Wiederbelebung historischer Dörfer in Ligurien über nachhaltige Projekte in Kroatien und Peru bis hin zur sensiblen Nutzung von Berg- und Küstenlandschaften in Deutschland, Österreich und Italien wird deutlich: Ein erneuernder Ansatz stellt ökologisches Engagement in den Mittelpunkt und verbindet es mit sozialen und kulturellen Themen. Für Reisende bedeutet dies, dass jede Reise zu einer Gelegenheit wird, einen positiven Beitrag zum Erhalt der Urlaubsregion zu leisten – aktiv und bewusst.
Unsere Quellen:
- Deutsches Wirtschaftsinstitut für Freizeit und Tourismus: https://www.dwif.de/news/item/dwif-impuls-regenerativer-tourismus-rueckblick.html
